ESPI on site: Was ist typografische Dauerhaftigkeit?

Uta Hentschke

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Foto: Katrin Wenke

Nach Meinung von Ruedi Baur, der in Paris, Zürich und Genf forscht und bei Lars Müller publiziert, steht unsere kapitalistische Gesellschaft im absoluten Widerspruch zum Thema Nachhaltigkeit: Das Prinzip des Ersetzens des Alten durch Neues könne nicht zu Sustainability führen. Baur nennt seinen TYPO-Vortrag „Sustain oder halte durch!“ und sagt, dass es nichts bringt, ein gutes Gewissen im Alltag zu leben, aber trotzdem die „Weltschweinerei“ zu unterstützen. Was in Baurs Sprache soviel meint wie: „Es genügt nicht, die Kühe zu gießen, um die Erde zum drehen zu bringen.“

Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit

Den Begriff „sustain“ beschreibt er so: „die Fähigkeit eines Musikinstruments den Ton zu halten, ohne die Note zu wiederholen.“ Dabei versucht, so Baur, auch ein typografischer oder gestalterischer Ton eine gewisse Bezauberung zu entwickeln.

Hinter dem Begriff „sustain“ verbergen sich für ihn zwei unterschiedliche Konzepte: Nachhaltigkeit und das französische „Durabilité“. Aber was heißt typografische Dauerhaftigkeit? Für Baur bedeutet es, die richtige Haltung gegenüber der „Benutzung“ zu zeigen: ein Bewusstsein für die richtige Dauer gegenüber der Zeit der Benutzung und dabei eine angemessene Haltung dem Objekt entsprechend. Einfacher gesagt: Er beklagt die Kurzlebigkeit vieler Projekte und eine Gestaltung, die im Widerspruch dazu steht. „Nachhaltigkeit bedeutet nicht zu bremsen, sondern im richtigen Moment das richtige zu machen.“ Informationsdesign sieht er dabei als eine der wichtigsten Disziplinen für Designer, um – durch Gestaltung unserer Umwelt und Gesellschaft – Nachhaltigkeit in den Vordergrund zu bringen.

Energiezukunft in Vorarlberg

In einem Projekt in Vorarlberg über dessen Energiezukunft wurden die Tagesabläufe von Bürgern analysiert und dafür Punkte vergeben. Ein guter Tag hat abhängig vom jeweiligen Lebensstil 100 Punkte, ein Durchschnittstag dagegen 210 bis 320 Punkte. „Es gibt Tage, die einem gelingen. An anderen scheitert man.“

Das Resultat, dass die erzielten Punkte in Vorarlberg nicht zufriedenstellend waren, liegt für Baur jedoch nicht an den Handlungen des Einzelnen, sondern daran, dass die Rahmenbedingungen nicht stimmten: Effektive Baustellen werden vom Bürger nicht gesehen, da er nicht darauf hingewiesen wird bzw. sie nicht sichtbar gemacht würden – und demnach der Bürger seine  Handlungsweise nicht darauf abstimmen kann.

Wir wissen, dass wir einfacher leben müssten, aber der Konsum bewirkt das Gegenteil. „Reicht es uns, wenn es für uns reicht? Wir wissen, dass es so, wie wir es wünschen, nicht weiter gehen kann. Aber was wünschen wir eigentlich?“ Baur fragt, ob wir definieren können, was für eine Gesellschaft wir uns überhaupt wünschen. Dabei stellt er fest, dass wir eine neue Gesellschaft aufbauen können: Menschlichkeit, Solidarität, Freude und Kreativität sei das, was wir dafür brauchen. Dabei geht es nicht darum, perfekt zu sein – Individualität und Handwerklichkeit sind wichtig.

Ruedi Bauer beendet seinen Vortrag mit den Worten (und mit weiteren Widerspruch): „Ich bin für eine baro(c)ke Reduktion!“

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Foto: Katrin Wenke