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Arschlochquote null Prozent: 3 Fragen an Meral Hirsch

Arschlochquote null Prozent: 3 Fragen an Meral Hirsch

Bei uns arbeiten auch waschechte Berlinerinnen (man merkt es gelegentlich am Wording). Die nächsten „3 Fragen“ gehen an eine Kollegin, die Ost und West, analog und digital, Party und Privatleben schätzt. Hier der Form halber – und weil interne User Tests genau halbe-halbe ergaben, pro und contra – die alternative Headline:

Erstens Analysen, zweitens Vermutungen

Gar nicht so einfach, mit Meral einen Termin zu finden. Sie arbeitet neuerdings Teilzeit (guess why), und ist ebenso still und ruhig plötzlich weg, wie sie auf ihrem Platz inmitten des Webteams oder mittags in der Küche sitzt. Wir machen zusammen Mittagspause. Sie zeigt mir neue Wege durch die Innenhöfe der Potsdamer Straße. Wir landen in einem mir unbekannten Restaurant. Sie klappt ihr Notizbuch auf; sie hat sich schon überlegt, was sie sagt, wenn sie „nach ihrer Arbeit“ gefragt wird.

1. Meral, was machst du bei Edenspiekermann?

„Ich bin ,Interaction Designer‘. Da geht es um die Struktur, die Funktionen, das Verhalten und auch das Erscheinungsbild von digitalen Produkten, und Services. Und generell versucht man ja als Designer immer Sachen zu optimieren und zu verbessern und Lösungen zu finden für spezifische Probleme. Eigentlich will man ja immer optimieren.“

Eigentlich hat sie richtig viel zu erzählen.

„Im Moment arbeite ich fast ausschließlich für einen großen Auftraggeber“ – dessen Namen wir leider nicht nennen dürfen – „ja genau. Es geht um eine Website, die weiterentwickelt wird. Da fallen einerseits Aufgaben in den laufenden Sprints an, andererseits arbeite ich an neuen Themen und Ideen. Das reicht von der Problemerkennung, Recherche und Analyse, User Tests, Konzeptentwicklung zu Mock-ups und dem fertigen Design.“

Mock-ups? Fragezeichen im Gesicht der Fragenstellerin.

„Mock-ups sind erste Skizzen davon, wie es aussehen soll. Das heißt, man kann sich die Dinge schon vorstellen. In Prototypen kann man sie verwenden, um zu zeigen, wie man sich durch eine Seite klickt.“

Und da ist gleich noch etwas.

„Worum es dann auch noch geht, ist, zu testen. Man baut ja seine Designs erstens auf Analysen und zweitens auf Vermutungen auf. Und man gestaltet natürlich auf spezielle Nutzergruppen hin.“

Beziehen sich die Vermutungen auf die Nutzergruppen?

„Ja, schon, man überlegt, ob’s für sie funktioniert: Wer sind diese Menschen, und was genau ist ihre Motivation, die Website oder den Service zu nutzen. So ein Test kann zum Beispiel helfen herauszufinden, wie man einen Menüpunkt benennt: Index oder A bis Z, Themen, Tags? Wir testen ESPI-intern, was die Leute am besten verstehen. Das ist spannend, weil: Jeder denkt was anderes, das ist oft echt überraschend. So kommt man auf Ideen, an die man vorher noch nicht gedacht hat.“

Sie denkt gleich noch an ein anderes Projekt.

„Beim Service-Design-Projekt für Wirecard haben wir Tests mit Nutzern gemacht, die von außen kamen. Wir hatten die ganze App als Prototyp. Ich gebe den Leuten das Handy in die Hand, sehe die Reaktionen ganz direkt, wie die damit umgehen, wie sie zurechtkommen. Das ist super, direkt mit den Menschen in dem Moment zusammen zu sein. Zu beobachten, was passiert. Da hängt so viel mit drin, das ist schon fast Psychologie.“

Meral fasst zusammen: „Optimal ist es halt, wenn man die weiteren Design-Entscheidungen anhand solcher Tests macht.“

2. Wie bist du überhaupt zu ESPI gekommen?

„Ich hab damals geschaut, was gibt es in Berlin an Agenturen wo der Fokus auf Design liegt, nicht nur auf Web und Technik. Also auch mit Auftraggebern, denen Design wichtig ist. Und bei Edenspiekermann fand ich, das ist ja der Hammer, was die machen. Dann habe ich mich gezielt beworben – vorher war es mehr Zufall, ich bin immer weiterempfohlen worden. Das hat sich dann so angefühlt wie: Genau das habe ich gesucht und es macht richtig Spaß. Übrigens waren wir im Webteam am Anfang nur zu fünft.“

Was macht noch richtig Spaß?

„Man kann hier jeden fragen und kriegt immer eine nette Antwort. Erik ist ja so eine Art Popstar in unserer Branche, der könnte sich benehmen wie ein König, aber darum geht es hier nicht. Ich habe das Gefühl, alle hier haben Lust sich auszutauschen, und zwar auf Augenhöhe. Jetzt kennt man natürlich nicht mehr alle so gut, dafür sind wir zu viele, aber trotzdem, immer noch. So verschiedene und gute Leute! Ich finde, diejenigen die bei uns die Leute aussuchen, haben echt ein gutes Händchen. Wir haben eine Arschlochquote von null Prozent“ – sie lacht – „oder Vollidiotenquote halt – null Prozent“.

3. Meral, was hat sich noch verändert?

„Also bei mir im Studium hieß der Schwerpunkt ja noch ,Multimedia’. Ich bin beim ersten Praktikum ja gleich in den Web-Bereich gegangen und sehr froh darüber, weil es nie langweilig wird. Wenn man sich überlegt, wie schnell das alles geht. Ständig verändert sich was: die technischen Möglichkeiten, mobiles Internet, Touch Screens, responsive Web-Design, Webfonts, die vielen neuen Endgeräte etc.“

3b. Wie hat sich das auf die Arbeit ausgewirkt, speziell dieser letzte Punkt?

„Total!“, sie lacht, „wirklich total. Man designt nicht mehr für ein Endgerät, am besten noch in einer fixen Breite, alleine vor sich hin, sondern es gibt ganz andere Möglichkeiten, und es gibt ganz viel was man neu lernen und berücksichtigen muss. Die Prozesse wie wir zusammenarbeiten, haben sich verändert und die Herangehensweise ans Design. Der optimale Ansatz ist, dass man ,mobil‘ zuerst denkt: der kleine Touch-Bildschirm, die flüchtige Aufmerksamkeit. Da muss man viel fokussierter, also auch inhaltlich fokussierter, rangehen. Aber gleichzeitig jemanden, der am Computer sitzt, mitdenken. Da kann man ja ganz anders mit der Fläche arbeiten.“

Sie fasst wieder zusammen: „Bei allem was man tut, muss man in klein arbeiten, aber immer das große Ganze im Kopf behalten.“

Und im Nachsatz: „Das Gute ist, das passiert alles hier bei ESPI. Ich muss nicht weiterziehen, um mich weiter zu entwickeln; ich kann das alles hier machen. Ich finde das ist sowieso ganz wichtig, man sollte immer offen sein, dazuzulernen.“

Sie sinniert noch ein bisschen vor sich hin: „Das kann auch manchmal bisschen einschüchternd sein, es gibt schon wieder ein neues Tool oder so …“

Bonusfrage: Meral, was machst du am liebsten, wenn du nicht arbeitest?

„Vor Kind oder nach Kind? Ich hab ja meine große Kampfsportleidenschaft gehabt, muss ich leider sagen, chinesische Kampfkunst und ein bisschen Kickboxen.“ Meral hat zehn Jahre lang Wushu trainiert – intensiv: „Wenn ich für eine Sache brenne, dann hänge ich mich richtig rein. Ich hab mit Leuten trainiert, die zur WM gegangen sind, das war ein großer Ansporn. Und dann Fahrradfahren, überall hin. Vor Kind und bald auch mit Kind, wenn der Frühling kommt, dann schaffen wir uns einen Kindersitz an und dann kommt er hinten rein.“

Meral ist in Wilmersdorf aufgewachsen und zog Mitte der 90er in den wilden Osten Berlins, nach Prenzlauer Berg. Für die damals 17-Jährige „ein großer Abenteuerspielplatz“. Da gab es „kein Telefon, kein Internet, kein Einkaufscenter, nix saniert. Alles rough, unerschlossen. Überall diese Wahnsinnsbrachen. Und Partys, Kellerbars, Nachtleben, eine tolle aufregende Zeit. Ich glaub das war auch der Grund warum ich nie woanders studiert habe, ich war mal ein halbes Jahr in Frankfurt, das hat gereicht, sonst war ich immer hier in Berlin… total happy.“

Na, ein Glück. Sind wir nämlich auch, mit ihr.

Lieben Dank, Meral!

meral-SD

Foto: Edenspiekermann