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Die Arbeit selber machen: 3 Fragen an Sven Ellingen

Die Arbeit selber machen: 3 Fragen an Sven Ellingen

„Ich habe ja quasi einen geschenkten Tag“, sagt er und macht es sich in Ringo (dem kleinsten unserer vier Konfis) gemütlich. Sven hat Zeit?! Unglaublich. Von seiner Funktion als Creative Director hat er nämlich eine weitaus umfassendere Vorstellung als manch anderer. Auch sonst kommt in den folgenden zwei Stunden (!!!) so manche Überraschung zutage.

Erstmal ein bisschen Hintergrundgeplänkel.

Ich hatte nie einen Computer

Wo kommt Sven eigentlich her? „So von Anfang an? Geboren bin ich in Hannover, aufgewachsen in Freiburg. Und, das ist vielleicht interessant, ich hatte nie einen Computer. Keinen Gameboy, kein Nintendo, nichts. Das ist bei mir ganz anders als bei vielen um mich herum.“ Nein, das lag nicht an anthroposophischen Erziehungsidealen seiner Eltern. Sven hat sich „einfach nur für Musik interessiert“, war voll drin „in diesem ganzen Hip-Hop-Nerdtum. Alles Geld hab ich in Schallplatten investiert. Erst als Zivi und als ich richtig Geld hatte, hab ich mir einen Computer gekauft. Musik war halt so mein Ding“: jedes Wochenende auflegen, Radio-Show und Club machen, Mix-Tapes in 1.000er-Auflagen herstellen, „die wurden uns aus den Händen gerissen“.

Zwei Jahre im Plattenladen (namens „Mono“) waren eigentlich so was wie „den Bock zum Gärtner machen“: Von den raren Import-Vinyl-Lieferungen blieben die begehrtesten Exemplare gleich bei Sven. Der Uralt-Computer im Laden, „über ISDN und so“, beeindruckte Sven weniger als der ausdifferenzierte Musikgeschmack der beiden Ladeninhaber Marcel („Hip-Hop und normale Genres“) und Ramón („Ambient, Minimal, total extrem, so ab und zu mal ein Ssst, Krrrt–krrrt und so“).

Hip-Hop sei Dank

Das mit der Musik war „damals halt noch so ein Exklusivitätsding“. Da brachte jemand Schallplatten aus New York mit „und konnte wochenlang unbekanntes Zeugs auflegen.“ Oder aus Japan, wie Sven – er war nach dem Abi zwei Monate in Tokio und Sapporo und hat „Platten geshoppt wie bekloppt“. Dagegen „wer sich heute für Musik interessiert ... Das ist jetzt halt das Internet“. Tut ihm das ein bisschen leid? „Nö, überhaupt nicht“.

„Hip-Hop sei Dank“, fasst Sven diese Phase zusammen, „diese Leute sind heute noch Wegbegleiter. Jetzt auch beruflich.“

Irgendwas aufbauen

Zum Studium der Audiovisuellen Medien ging Sven nach Stuttgart an die FH in Vaihingen und lernte Sound Design, Motion Design und Grundzüge der Informatik. Ein Praxissemester in Köln wurde zur Abflugrampe: Sven arbeitete in einer Firma für Post Production, kam mit Bildbearbeitung und Werbefilmen in Berührung und mit den „fetten Geräten“, die dafür damals in den Studios standen. Und dann mit Apples Power Mac G5: Sven erkannte darin das ernstzunehmende Produktions-Tool und baute zusammen mit einem Azubi eine kleine interne Abteilung auf, „weil mir das halt immer Spaß macht, irgendwas aufzubauen“, und schließlich „haben die das richtig angeboten“. Wie lang ging diese Phase? „Ich hoffe mal, das war nur ein Jahr“.

Zeug machen 

Zurück an die FH nach Stuttgart? Nö, das war ihm „viel zu eng, viel zu spezifisch, viel zu zugespitzt“, er hatte „längst angefangen selber Websites zu bauen, für den eigenen Kram, Clubs und so weiter.“ Sven wollte „was darüber, oder darunter, wie man’s nimmt. Eigentlich ging es um Design.“ Er startete ein interdisziplinäres Studium an der KISD (Köln International School of Design).

Von der KISD schwärmt er heute noch: „Mir hat’s halt Spaß gemacht, das andere, weil ich es nicht konnte.“ Da gab es diese Werkstatt für die praktischen, haptischen Fächer; Sven sah es als „tolles Angebot: Raum, wo man Zeug machen konnte.“ Das Berufliche kannte er ja schon, „das Studium war dann so der Spaß-Teil.“ Das halbe Jahr vor dem Abschluss war allerdings der Horror, selbstverschuldet: Die Diplomarbeit „hat mich an meine Grenzen gebracht.“ Warum? „Ich wollte halt was Geiles machen, was Cooles, mit wissenschaftlichem Anspruch.“ Das Thema? „‚Visualisierung von Nachrichteninhalten‘.“

Nur noch so viel: Sven hat Prototypen gebaut, um zu zeigen, dass die Art der Visualisierung Aussagen macht über die Inhalte. Es ging unter anderem um Natural Language Processing, um APIs (Schnittstellen zu Nachrichteninhalten), um das Arbeiten „mit echtem Inhalt“. Warum war das so anstrengend? „Es gab kein ,Fertig‘, sondern acht verschiedene Visualisierungsexperimente.“

Richtige Inhalte, richtige Bindestriche

Während des Studiums arbeitet Sven (zusammen mit Moritz Guth, ebenfalls KISD-Student und heute bei Edenspiekermann) in einer Bürogemeinschaft in Köln. Er lacht: „Ein Handlungsstrang fehlt immer.“ Neben allem anderen hat er ein Hip-Hop-Weblog gemacht, WeKnowRap.com, „und damals war ,Weblog‘ echt noch so’n Wort, und es war neu.“

Ihm ging es um eine „deutsche Hip-Hop-Website, und wir wollten richtig gute Inhalte, deutsche Texte, halt mit richtigen Bindestrichen, genauso wie du sie jetzt machst bei ,Hip-Hop-Website‘ ...“ (Ja, Sven beobachtet genau, was ich mitschreibe, und offenbar auch, wie.) Das war erfolgreich. „Das hatte halt so eine kleine Sichtbarkeit, daraus entstand fast schon eine Marke“: Freunde in Köln druckten in ihrer Siebdruck-Werkstatt T-Shirts mit dem Schriftzug We Know Rap – „Helvetica bold gestürzt, Moritz hat das manchmal noch an.“

Und 2008 kam Sven nach Berlin.

1. Sven, warum Edenspiekermann?

„Das waren so die einzigen, die mich interessiert haben: was Seriöses, was Profundes – wie sie bei damals noch SpiekermannPartners über das Web gesprochen haben.“

2. Und was machst du bei Edenspiekermann?

„Ich leite bei Edenspiekermann zusammen mit Michael und Robert das Team, das sich mit Digitalen Projekten auseinandersetzt.“ (Jetzt so kurz angebunden? Abwarten. Einundzwanzig, zweiundzwanzig ...) „Meine Aufgabe ist, strategisch-inhaltlich zu beraten. Eher kucken, dass es läuft – und am Ende alle sagen, war gut, nächstes Projekt. Meine Haltung als Creative Director ist: Wenn wir für das Medium gestalten, müssen wir die Technologie kennen. Ich treibe die Leute an; es steckt so viel Wissen in ihnen drin. Was hält uns denn davon ab, es so zu machen, wie wir es am besten finden.“

2b. Was hält uns denn davon ab?

„Ich glaube, alle wollen ihre Arbeit supergut machen, und sind sich manchmal nicht sicher, an welcher Stelle sie experimentieren dürfen. Das ist Sicherheitsdenken. Robert hat mich immer gut machen lassen, so konnte ich hier das ganze Thema ,Agile‘ aufbauen. Das war erst prozessual erfolgreich, aber noch nicht wirtschaftlich. Aber dann haben wir auch den Dreh hingekriegt.“ Er fasst zusammen: „Du musst die Arbeit halt mal selber gemacht haben, um dem Auftraggeber die Sicherheit geben zu können.“

2c. Gab es denn so was wie ein Lieblingsprojekt?

„RBMA Radio. Herzensthema. Da war ich knietief drin. Ich wusste, das Ding geht nur, wenn ich mich da voll reinhänge. Es war super, weil wir mal alles machen konnten, so wie wir es wollten. Weil wir richtig agil arbeiten konnten: Cutting-edge-Technologie, und Content-getrieben.“

2d. Spielt es für dich eine Rolle, für welche Marken du arbeitest?

„Ja, total.“ (Pause.) „Ich will die Sachen machen, auf die ich Bock habe. Marken, die etwas haben, was interessant ist, die inhaltlich was zu bieten haben. Oder ich finde den Challenge spannend. Richtig agil arbeiten ist wie Töpfern. Einen Tonklumpen auf eine Töpferscheibe werfen und du weißt nicht, wo es hingeht, was für ein Ding rauskommt.“

2e. Sven, warst du auf einer Waldorfschule?

„Nö. Ich bin überhaupt nicht hands-on. In der Werkstatt an der KISD haben sie mich schallend ausgelacht. Der Werkstattleiter blieb länger, damit ich meinen Scheiß fertig machen konnte. Ich konnte das nur ertragen, weil ich halt andere Sachen gut konnte.“

3. Warum gehst du jetzt weg von Edenspiekermann?

Er kichert: „Und das willst du schreiben?“ Ja. „Weil die Gelegenheit gut ist. Weil ich Lust habe, was neues zu machen. Weil ich ... der ehrliche Grund: Wenn ich das noch mal mache, was aufbauen, dann soll es meins sein. Und fünf Jahre ist eine lange Zeit. Jetzt will ich es halt für mich in die Hand nehmen.“

3b. Was wirst du vermissen?

„Die Leute. Das Team. Mein Team.“

Lieben Dank, Sven!

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Foto: Markus Kirsch